Frauen machen aktuell 49,6 % und Männer 50,4 % der Weltbevölkerung aus. In Deutschland kommen auf 100 Frauen 96,8 Männer. Kein großer Unterschied, eigentlich? Oder doch? Doch, denn es gibt immer noch zu viele Unterschiede, dort wo Gleichbehandlung gelten sollte. Zum Beispiel in unserer Sprache.
Bis 1977 durften verheiratete Frauen nur mit Zustimmung ihres Mannes berufstätig werden und erst ab 1962 durften Frauen in Deutschland ein eigenes Bankkonto haben. Dank Gesetzesänderungen hat sich das mittlerweile verändert. Geht doch. Unsere deutsche Sprache aber, hat sich leider noch nicht ausreichend verändert. Immer noch wird zu viel in Männersprache gesprochen, dort wo Frauen und Mädchen angesprochen werden sollten. Schlimm? Vielleicht nicht schlimm, aber ausgrenzend und verhindernd! Aber lest bitte weiter.
Durch den Sprachgebrauch entstehen Bilder in unserem Kopf. Wenn z.B. von Ingenieuren die Rede ist, fühlen sich weniger Mädchen und Frauen angesprochen, als wenn von Ingenieurinnen und Ingenieuren gesprochen wird. Dann schätzen Mädchen typisch männliche Berufe eher auch als für sich erreichbarer ein. Das hängt damit zusammen, dass wir sofort Bilder im Kopf entwickeln, die genauso wirkungsvoll sind wie echte Bilder. Ich habe Anfang der 1970er Jahre als 12 jähriges Mädchen in Hamburg die erste Busfahrerin gesehen und dachte, oh wow, geht ja auch. Nicht, dass ich das unbedingt hätte werden wollen. Aber die Möglichkeit zu haben, darum ging und geht es auch heute noch!
Sprache beeinflusst unser Denken
Durch Sprache entstehen Bilder in unseren Köpfen. Nicht umsonst habe ich mal diesen schönen Satz gelernt, „Sprache schafft Bewusstsein“. Werden nur Jungs oder Männer genannt, spiegelt sich das in unseren gedanklichen Vorstellungen wieder.Sprachrätsel und Denkfehler
Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der ein bekannter Spezialist für Kopfverletzungen ist. Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: "Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!"Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?"
Lösung: Der Chirurg ist die Mutter des Kindes also eigentlich die Chirurgin
In einem inzwischen vielfach wiederholten Experiment wurde eine erste Gruppe nach berühmten Politikern, Sportlern, Schriftstellern, Malern usw. befragt und die zweite Gruppe nach berühmten Politikerinnen und Politikern, Sportlerinnen und Sportlern, Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Malerinnen und Malern usw. Die Ergebnisse zeigten: in der zweiten Gruppe gab es bis zu einem Drittel mehr Nennungen von Frauen als in der ersten Gruppe
(Elke Heise, 2000; Dagmar Stahlberg und Sabine Sczensy, 2001).
„Bereits um 1840 schrieben Mathematiker die ersten Computerprogramme - diese Formulierung lässt vermuten, dass ausschließlich Männer gemeint sind. Dabei bleibt unerwähnt, dass das allererste Computerprogramm von der britischen Mathematikerin Ada Byron, Lady Lovelace (1815-1852) geschrieben wurde.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht nur ein Gebot der Höflichkeit, mit und über Menschen so zu sprechen, dass alle Geschlechter genannt sind. Es ist eine Notwendigkeit, um Chancengleichheit zu erlangen. Was spricht dagegen, die Möglichkeit der Sprache zu nutzen, um sichtbar zu machen, dass ein Pilot eine Pilotin sein kann und der Streik von Erziehern in der Regel ein Streik von Erzieherinnen ist.
„Männer werden fast immer richtig eingeordnet, Frauen fast nie, denn in unserer Sprache gilt die Regel: 99 Sängerinnen und ein Sänger sind 100 Sänger.“ Das sagt die Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch.
Wieso eigentlich? Die ausschließliche Verwendung männlicher Sprachformen ist noch immer sehr geläufig und wir Frauen und Mädchen sollen uns immer ganz selbstverständlich mit angesprochen fühlen. Wenn jedoch nicht mehr von Direktor und Putzfrau die Rede ist, sondern von Leitung und Putzkräften, verändert sich auch unser Bild davon, wer in unserer Gesellschafft welche Rolle übernehmen kann.
Und um die Wirkung der Sprache bewusst zu machen, formuliere ich eine Einladung mal gänzlich in weiblicher Form und dann schauen wir mal, ob sich Jungs ebenso angesprochen fühlen, wie das für Mädchen die Regel sein soll. Wenn ich beispielsweise alle Schülerinnen einladen würde, an dem Treffen in der Sporthalle am Nachtmittag teilzunehmen, glaubt ihr, dass die Jungs sich da auch mitangesprochen fühlen. Wohl eher nicht, oder?
Das wird aber zu kompliziert
Sprache ist doch flexibel und verändert sich immerzu. Wir alle reden heute von „googeln“ und „simsen“. Wörter, die ziemlich neu sind in unserer Sprache. Die Welt verändert sich und damit auch die Sprache oder wer von euch kennt noch das Wort „Oheim“. Das ist ein veraltetes Wort für den Onkel mütterlicherseits, das im vorletzten und Anfang des letzten Jahrhunderts ein ganz normales Wort war, das die meisten kannten.Es ist wie so oft: Wenn etwas schon länger vorhanden ist, dann können wir uns nur schwer vorstellen, es vielleicht zu ändern. Trotzdem sollten wir es tun! Es ist eine Anstrengung, aber es lohnt sich!